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Wie trifft man gute Entscheidungen? Ratio versus Intuition …

Intuition ist nicht in Sprache

Das Thema Intuition hatten wir schon einige Male anklingen lassen. Ich habe mir gerade den Vortrag Wie trifft man gute Entscheidungen? des Direktors des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Prof. Gigerenzer, gehalten auf den Petersberger Gesprächen 2012, angehört, und auch er empfiehlt uns, neben der Logik auch die Intuition zu nutzen. Besonders wenn die Entscheidung auf einem komplexen, unsicheren Hintergrund erfolgen soll.

Die Botschaft der Verfechter des rationalen Entscheidens lautet: Zuerst wägen, dann wagen. Zuerst analysieren, dann agieren.

Was ist Intuition? Nach Gigerenzer ist das gefühlte Wissen, was sehr schnell im Bewusstsein ist, aber die Gründe dafür sind nicht bewusst: SIE SIND NICHT IN SPRACHE! Dieser Teil des Wissens ist der bei Weitem größte. Wer also nicht auf seine Intuition hört, nutzt den größten Teil seines Gehirns nicht. Intuition sei kein sechster Sinn und auch keine göttliche Eingebung. Intuition funktioniert auf viel Erfahrung, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Rest zu ignorieren.

Siehe dagegen die heutige ökonomische Theorie des erwarteten Nutzenmaximierens: liste die Möglichkeiten mit ihren Pros und Kons, dann gewichte und berechne.

Auf die Frage, wer seinen Ehepartner so ausgewählt hätte, kam ein Handzeichen. Klick?

Unsere Gesellschaft tolleriere keine Bauchentscheidungen. Dennoch würden insgeheim die Manager zu 50% oder gar mehr intuitiv entscheiden, so eine Analyse in einem deutschen Daxunternehmen. So wird häufig nach der insgeheim getroffen Entscheidung noch ein rechtfertigendes Gutachten teuer eingekauft, das dann die rationalen Gründe noch nachliefert. Typisch sind hier Firmenkulturen mit Nullfehlertolleranz, so dass jeder Manager lieber seinen Arsch rettet als zum Nutzen der Firma zu handeln, indem er nicht oder eben defensiv entscheidet. So würden 30-40% eher weniger zuträgliche Entscheidungen getroffen. Besonders schlimm ist es offensichtlich in der Ärzteschaft der USA. Dort würde aus Eigenschutz zu 93% gegen den Patentien entschieden.

Wir misstrauen der Intuition Anderer, aber trauen den Formeln von Experten blind. Er zeigt dies am Beispiel der kaum treffenden Vorhersagen der Entwicklung des Euros seitens der Top-Banken in den letzten Jahren (wir erinnern uns auch ungerne an die Voraussagen unserer Wirtschaftsweisen, wo auch viel Geld für “Mist” in den Himmel ging. So mancher Hungernde hätte sich über das Geld gefreut.

Komplexität mit viel Unsicherheit müsse mit Einfachheit begegnet werden, so Gigerenzers Empfehlung. Sein Fazit:

Intuition beruht auf schnellen, heuristischen Prozessen, die oft zu bessern Entscheidungen in einer unsicheren Welt führen als die kompliziertesten, statistischen Verfahren. Mehr Zeit, mehr Information und mehr Berechnung ist nicht immer besser. Weniger kann mehr sein.

In seinem Vortrag geht er noch auf einige Untersuchungen ein, wann die Intuition besser greift, u. a. geht er auch auf den Unterschied von Golf-Experten und -Anfänger ein, wenn für den Abschlag nur 3 Sekunden Zeit gegeben werden. Und auch Jens Lehmanns berühmter Zettel beim Elfmeterschießen gegen Argentinien kommt zur Sprache:

Zum Thema Intuition möchte ich noch auf das Buch von Dr. Andreas Zeuch verweisen, das einen tiefen Einblick in das Thema gibt und mir reichlich Denkimpulse gab:
Feel it!: So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen

Über Dr. Martin Bartonitz

Mitinitiator der Initiative Wirtschaftsdemokratie. Geboren 1958 und aufgewachsen in Dortmund, am Rande des Kohlenpotts, einem Schmelztigel während der Gründerzeit eingewanderter Menschen. 1992 nach der Promotion in experimenteller Physik gewechselt von der Messprozess- in die Geschäftsprozesssteuerung. Mit Blick auf die Erfahrungen in der Optimierung der Effizienz von Prozessen in der Bürowelt kam in den letzten Jahren immer mehr die Erkenntnis: Das Business machen die Menschen. Und wenn nur nach der Effizienz geschaut wird, dann wird auch noch die letzte Motivation in den Unternehmen zerstört. Daher sollten Organisation und auch die eingesetzte Software die Menschen in ihrer Kreativitität unterstützen und sie nicht knechten. Selbstbestimmheit statt Fremdbestimmung sollte uns den nächsten Schub in unserer gesellschaftlichen Entwicklung bringen. Aufgrund dieser Überzeugung schreibe ich hier mit. Kontakt: Webseite | Facebook | Twitter | Google+ | Weitere Artikel

5 Kommentare zu Wie trifft man gute Entscheidungen? Ratio versus Intuition …

  1. Hallo Martin,

    das klingt spannend. Die Aussagen erinnern mich sehr stark an System 1 Denken (schnelles Denken) und System 2 Denken (langsames Denken) von Daniel Kahnemann. Allerdings habe ich es so in Erinnerung, dass Kahnemann System 1 nicht konkret als Intuition bezeichnet sondern als unbewusstes Denken. System 1 arbeitet z.B. wenn ich schreibe 2+2=?. Ohne dass wir (diejenigen die in der Schule waren) anfangen zu rechnen, wissen wir, dass das Ergebnis 4 lautet.

    Das Video schaue ich mir heute Abend an. Danke!

    Bastian

    • Richtig, Bastian, ich empfehle hier dringend, auch Kahnemans Buch “Schnelles Denken – langsames Denken” zu lesen. Nach Herbert Simon ist Intuition Wiedererkennen. Kahnemann hat gemeinsam mit Gary Klein herausgefunden, dass Intuition in repetitiven Aufgaben – z.B. Feuerbekämpfung – hervorragende Dienste leistet. In hochkomplexen, erstmaligen Situationen jedoch, welche viel Unvorhersehbares enthalten, kommt Intuition an ihre Grenzen. Man vergesse nicht, dass sich das Instrument der Intuition vor langer Zeit entwickelte, als die Welt noch einfacher war. Innerhalb der letzten 100 Jahren hat die Komplexität um ein Vielfaches, fast explosionsartig zugenommen. Ob das die altehrwürdige Intuition noch mithalten kann?

      • Dr. Martin Bartonitz // März 26, 2013 um 8:40 am // Antworten

        Vielen Dank für die Buchempfehlung!
        Prof. Peter Kruse macht gut deutlich, dass Intuition nur wirklich gut greifen kann bei dem, der genügend Erfahrungen in ähnlichen Zusammenhängen gesammelt hat. Sehr empfehlenswerte 5 Minuten:

  2. Dr. Martin Bartonitz // März 14, 2013 um 1:44 pm // Antworten

    Auf Facbook kam noch der folgende Kommentar von Karin Desai:

    Nachdem ich in den letzten Jahren Intuition bewusst wahrgenommen habe, weiß ich, dass diese Definition so nicht ganz stimmt:

    “Was ist Intuition? Nach Gigerenzer ist das gefühltes Wissen, was sehr schnell im Bewusstsein ist, aber die Gründe dafür sind nicht bewusst: SIE SIND NICHT IN SPRACHE! Dieser Teil des Wissens ist der bei Weitem größte. Wer also nicht auf seine Intuition hört, nutzt den größten Teil seines Gehirns nicht. Intuition sei kein sechster Sinn und auch keine göttliche Eingebung. Intuition funktioniert auf viel Erfahrung, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Rest zu ignorieren.”

    Wenn mich Dinge beschäftigen und ich dazwischen abschalte, mich mit profanen Dingen beschäftige, bei denen man seinen Gedanken freien Lauf lassen kann, weil man nicht denken muss, sind mir immer wieder bestimmte Stichworte in den Sinn gekommen, denen ich dann sofort nachgegangen bin. Und sie brachten mich jedes Mal ein großes Stück weiter, die Zusammenhänge wurden klar. Intuition hat also überhaupt nichts mit Erfahrungen zu tun. Im Gegenteil. Die Erfahrungen sind dabei hinderlich. Man ist ja nicht offen für Neues, wenn man sich nach alten Erfahrungen richtet.

    Von daher weiß ich, dass man für die Intuition sehr wohl Zeit braucht bzw. diese nur kommen kann, wenn man geistig abschaltet, loslässt, entspannt, wenn man eine Zeitlang nicht mehr seinem Verstand die Oberhand lässt. Den braucht man dann, um diese Intuition zu verwerten, um sie zu verstehen, die Zusammenhänge zu erkennen.
    Menschen, die geistig nicht abschalten können, die ununterbrochen ihren Verstand nach Problemlösungen befragen, kommen nicht mit ihrer Intuition in Kontakt. Da fängt dann nur der Kopf an zu rauchen.

    Deshalb weiß ich auch, dass es so etwas wie ein universales Bewusstsein gibt. Das Wissen um die Dinge, ist theoretisch jedem gegeben. Er muss nur Zugang dazu finden durch die Intuition. Deshalb bedarf es auch eigentlich keiner Führer, auch keiner geistlichen Führer, sondern lediglich Menschen, die einem zeigen, wie man selbst an diese Intuition kommt.

  3. Dr. Martin Bartonitz // März 28, 2013 um 10:58 pm // Antworten

    Andreas Zeuch hat gerade in seiner Management-Kolummne auf CFOworld in seinem neuen Artikel Lob den Beginnern das Thema Intuition ebenfalls aufgegriffen und Bricht dem Anfänger eine Lanze. Er kommt dort zum Fazit:

    Es ist aber auch jenseits psychologischer Testlabors reichlich plausibel, dass wir als Anfänger durchaus wertvolle Intuition haben können, die wir in unseren Entscheidungsprozess einbeziehen sollten. Wie entscheiden zum Beispiel Unternehmer, die einen neuen Markt erschließen oder ein neuartiges Produkt entwickeln und vermarkten? Qua Definition haben weder diese Menschen noch sonst jemand langjährige Expertise in dem jeweils relevanten Bereich. Es handelt sich schließlich um Neuland. Und das ist weder vermessen noch kartografiert. Würden Unternehmer auf das ewig gleiche, mittlerweile ziemlich eintönige Mantra der Expertise hören, wären sie vollständig unfähig, zu entscheiden. Fortschritt wäre unmöglich.

    All dem zufolge ist es sinnvoll und zieldienlich, nicht nur auf Expertenintuition zu achten, sondern auch auf die Eingebungen von Anfängern. Egal, ob man selbst der Anfänger ist oder die Mitarbeiter. Was übrigens keineswegs heißt, dass wir diesen Intuitionen reflexhaft folgen sollen. Es empfiehlt sich aber, sie gleichberechtigt neben unser bewusst rationales Kalkül zu stellen und erst dann zu entscheiden. Ansonsten verschenken wir den Schatz der unbewussten Wahrnehmung und Informationsverarbeitung. Was in Zeiten von Big Data ausgesprochen sonderbar wäre.

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